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Neugieriger besorgter Geschäftsmann, der den fallenden roten Pfeil durch einen Betonboden betrachtet.

Ist Wirecard ein Wirtschaftskrimi?

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Vorstandschef Markus Braun hat nun einvernehmlich mit dem Aufsichtsrat das Handtuch geworfen und ist mit sofortiger Wirkung zurückgetreten. Zum Interims-Chef wurde auf die Schnelle der US-Manager James Freis bestimmt, der zuvor dem Vorstand noch gar nicht angehörte.

Für das Unternehmen ist es jetzt von ganz entscheidender Bedeutung, dass die Banken weiterhin noch Geld fließen lassen. Diese haben nämlich in Anbetracht der aktuellen Situation die Möglichkeit, bereits gewährte Kredite zu kündigen. Die Rede ist von einer Größenordnung um zwei Milliarden Euro.

Wirecard fühlt sich unverstanden

Das Unternehmen beteuert indes, dass es sich gerade in „konstruktiven Gesprächen“ mit den kreditgebenden Banken befände. Fakt ist, dass die Banken das Recht zur Kündigung der Kredite haben, wenn Wirecard keinen testierten Jahresabschlussbericht vorlegen kann.

Der Absturz des Aktienkurses des Dax-Wertes wegen der erneuten Verschiebung des Jahresabschlusses 2019 von über 100 Euro auf 20 Euro innerhalb von zwei Tagen ist schon einmalig in der deutschen Börsengeschichte. Da ist die Frage berechtigt, warum der Handel der Papiere in dieser Situation zum Schutz der Anleger nicht ausgesetzt wurde, bis sich die Wogen etwas geglättet haben. So jedenfalls hat die Summer aller Anteilsscheine insgesamt einen Wert von circa neun Milliarden Euro eingebüßt, obwohl es ja „nur“ um zwei nicht ganz auffindbare Milliarden geht.

Haben die Anleger überreagiert?

Der zurückgetretene Vorstandsvorsitzende Markus Braun verfasste für seine Mitarbeiter und auch für die Aktionäre eine persönliche Erklärung, in der er nochmals darauf hinweist, dass Wirecard ein exzellentes Geschäftsmodell ist, eine herausragende Technologie verkauft und über ausreichende Ressourcen verfügt, sodass alle von einer großen Zukunft des Unternehmens ausgehen können. Seine Entscheidung sei lediglich der Tatsache geschuldet, dass er formal die Verantwortung für sämtliche geschäftlichen Transaktionen trage.

Der österreichische Wirtschaftsinformatiker Braun war in der Tat die Galionsfigur von Wirecard und führte das Unternehmen schon seit 2002. Sein Nachfolger Freis leitete in der Zeit von 2007 bis 2012 im US-Finanzministerium die Einheit zur Bekämpfung der Finanzkriminalität.

Wir sollten eines dabei nicht vergessen: Digitale Finanzdienstleistung in dieser Größenordnung ist nicht nur ein Milliardengeschäft, sondern auch ein unerschöpflicher Pool sehr persönlicher, zum Teil heikler Daten ganz nach dem Geschmack von Google. Dass es den Amerikanern ein Dorn im Auge ist, dass dieses Metier ausgerechnet von einem deutschen Unternehmen geradezu beherrscht wird, liegt so ziemlich auf der Hand. Wir meinen, dass hier ein Wirtschaftskrimi ungeahnten Ausmaßes dahinter stecken könnte, der uns noch lange beschäftigen wird oder niemals so richtig ans Tageslicht befördert wird.

Was ist eigentlich das Kerngeschäft von Wirecard?

Es geht in erster Linie um bargeldlose Zahlungen für Händler, egal, ob online oder an der Ladenkasse. Doch seit mehr als einem Jahr weist die Financial Times aus London immer mal wieder auf Bilanzmanipulationen hin. Bevor Braun seinen Hut nahm, sagte er noch, dass die Wirecard AG möglicherweise die Geschädigte eines Betrugsfalles großer Dimension geworden ist.

Ein wesentlicher Anteil der Umsätze von Wirecard werden über Drittfirmen erwirtschaftet, die für ihren Service natürlich Provisionen erhalten. In diesem Zusammenhang taucht in dem ganzen Wirrwarr ein Treuhänder auf, der mit der Verwaltung der eigens dafür eröffneten Konten beauftragt wurde. Doch dieser Treuhänder beendete die Geschäftsbeziehung im letzten Jahr und verwies auf eine asiatische Anwaltskanzlei, die seinen Job wohl weiter ausführte. Ja, gewiss, da ist ein Kuddelmuddel entstanden, in dem möglicherweise Interessen involviert sind, die Braun weder durchblicken noch steuern konnte. Seien wir also gespannt darauf, wie der Krimi weitergeht.